Interview: Achim Goetze
– der Zeichensetzer Teil 1
Achim Goetze, geboren 1937 in Hamburg, ist ein deutscher Künstler und lebt heutzutage in Nordfriesland. Er erzählt aus seinem Leben und von seinen Werken.
Achim Goetzes Kunst will nicht nur ästhetisch ansprechen, sondern auch auf gesellschaftliche Spannungsfelder hinweisen. Sie möchte nicht bloß dekorativ erscheinen, sondern zu geistigen Exkursionen auffordern – als offenes Angebot. So lädt sie zu Abenteuern ein, in deren Zuge der Betrachter womöglich auch seine eigenen Positionen überprüft. Seine Wurzeln hat dieser hinterfragende, aber nicht belehrende Anspruch in frühen gesellschaftspolitischen Erfahrungen des Malers. Über Textanalysen, den Umgang mit Worten und kalligrafischen Übungen näherte er sich „Wort und Wahrheit“ sowie deren Umsetzung in eine „bildhafte Sprache“.
„Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir haben keine Eile. Hier oben gehen die Uhren langsamer,“, sagt Achim Goetze am Telefon. Und es stimmt: Der Mann, seines Zeichens Künstler mit einem über Jahrzehnte gewachsenen, bemerkenswerten Oeuvre – von dem leider nur noch etwa die Hälfte erhalten ist, aber dazu später –, lebt ziemlich weit oben in Deutschlands Norden, genau genommen in Schleswig-Holstein, nahe an der dänischen Grenze. Auf der Autobahn dahin wird man zu Anfang noch von Touristen begleitet, die dann aber nach und nach abbiegen; man lässt St. Peter Ording hinter sich, Husum, Pellworm, Wyk auf Föhr. Nur Sylt liegt noch ein kleines Stückchen weiter nördlich. Und tatsächlich: Während man Kilometer um Kilometer frisst, hat man das Gefühl, dass die Zeit hier etwas entschleunigt verläuft. Und das Licht eine besondere Farbe bekommt. Die Straßen werden gerader, die Dörfchen, die man passiert, heller, luftiger, selbst die Bäume strahlen eine, ja: malerische Ruhe aus – vielleicht ja auch, weil sie hier noch die Zeit haben, sich über die Jahre vom Nordseewind beugen zu lassen, um sich vor dem Horizont zu verneigen.
An sonnigen Tagen ist man dem Himmel hier ziemlich nahe, auch wenn das Land so flach ist wie ein Billardtisch ohne Kugeln. Man denkt unwillkürlich an andere Maler, die des Lichtes wegen ihrer Heimat verlassen haben, um Farben anders zu erleben. Und fragt sich, ob dies wohl auch für Goetze gelten mag, ob er seinen aktuellen Wohnsitz der typisch nordischen Klarheit wegen gewählt hat. Schließlich hat er Jahrzehnte in Hamburg gewohnt und gearbeitet, wo er 1937 auch geboren wurde. Jetzt also Nordfriesland.
Bilder, die etwas zu sagen haben
Schon stehen wir vor einem langgestreckten, mit Schilf – oder, hier: Reet – gedeckten Haus, umgeben von Bäumen und Wiesen, die nicht zu enden scheinen. Von der Straße aus ist das Gebäude nicht zu sehen. Goetzes Tochter, die sich einen Teil des Hauses mit dem Künstler und seiner Frau teilt, greift den Besucher auf und führt ihn in einen hellen Flur, in dem das Licht genau so zuhause zu sein scheint wie draußen. Goetze, ein großer, etwas schlaksig wirkender Mann, begrüßt uns und führt uns ein wenig durch sein Haus. An allen Wänden, überall, Arbeiten des Malers – allerdings nicht in der bei Künstlern oft anzutreffenden, sogenannten „Petersburger Hängung“, sondern, sensibel ausgeleuchtet, in geordnetem, respektvollem Abstand zueinander. Anders ginge es aber auch kaum, denn sie alle sind um die einen mal eineinhalb Meter groß. Ein erster Hinweis auf einen stark strukturierten Geist? In ihren größtenteils schwarzen Rahmen leuchten die Werke in ihrer elementaren Farbigkeit wie eine Mohnwiese vor einem Gewitterhimmel. So kommt jedes Bild zu eigener Geltung. Und Goetze hat zu jedem eine Geschichte parat. Zum Beispiel vor diesem hier: Der blanke Hans. Man sieht eine etwas grobschlächtige Figur, die vor den entsetzten Blicken der Koogbauern über einen Deich springt – die wütende See in Persona. „So hoch können wir keine Deiche bauen, dass das Meer nicht doch drübersteigen könnte“, so Goetze, „das Meer steigt mit. So, wie wir keine Mauern gegen Menschenfluten bauen können und gegen Pandemien, Währungsturbulenzen oder Klimakatastrophen. Wir können uns nicht abschotten“. Unwillkürlich wünscht man sich einen guten Stoß Sandsäcke vor dem Gemälde. Und genau so ist es tatsächlich bereits in einer Hochschule ausgestellt worden – als Denkanstoß für ein Symposium.
Lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir haben keine Eile. Hier oben gehen die Uhren langsamer.
Gemalte Allegorien
Schon das macht klar: Goetze denkt in und malt Allegorien: Figuren, die für etwas anderes stehen und uns darüber etwas erzählen. Die Deiche brechende Flut wird zu einer Metapher, die sagt: Wir können uns nicht abschotten! Anderes Beispiel: Die Baumesser. Fünf Gestalten, die um einen Tisch herumsitzen und Bäume verspeisen wie Gemüse, aber Bäume sind eben kein Gemüse, das im nächsten Frühjahr wieder auf dem Beet steht. Man erkennt einen Richter, einen Geistlichen, einen Börsianer, einen General, einen Kaufmann. „Leute, die etwas verändern könnten“, erklärt Goetze. Entstanden sei die Arbeit zum Umweltgipfel von Rio 1992, aber sie ist immer wieder aktuell. Wie auch Der Briefträger von Bagdad – eine bildliche Allegorie für das Leben zwischen den Fronten. Auch dies: Eine Mahnung, die, wie wir erfahren mussten, leider ungehört geblieben ist – der Krieg ist längst nach Europa zurückgekehrt. Von den vielen Arbeiten an diesen Wänden darf man sich natürlich nicht täuschen lassen: Natürlich entfalten viele ihre Strahlkraft längst an einem anderen Platz.
Ein Beispiel, auf das Achim Goetze gerne verweist, ist Das Gericht der Kinder, die hier in roten Richterroben ihr Urteil über die Gesellschaft der Erwachsenen fällen. „Mit euren Entscheidungen müssen wir morgen leben“, so die Kinder. Geschaffen hat er das Werk 2007 – da gab es noch nicht einmal Fridays for Future. Jetzt hängt es tatsächlich in einem Amtsgebäude und fordert Generationengerechtigkeit ein – direkt gegenüber dem Sitzungssaal.
Willy Brandt vor dem Mikro
So wird schnell klar: Goetze ist ganz offensichtlich niemand, der sein Talent für die Schöpfung unpolitischer Stillleben nutzt, etwa mit den beliebten Landblumensträußen als Motiv. Obwohl Blumen in seinem Werk durchaus vorkommen. Aber selbst die sind „narrativ“, wie er es nennt – Beispiel Tanz der Narzissen: Hier ist die obige Blüte männlich, die untere weiblich konnotiert, beide geben sich tanzend einander hin. Offenbar ist Goetze jemand, der das Weltgeschehen auf vielen Ebenen aufmerksam verfolgt und Stellung bezieht. Politische Bilder, Politik durch Bilder? „Nein“, sagt Goetze, „ein Bild sollte sich niemals schuldig machen, diffamieren – nur Denkanstöße geben!“ Dass sich seine Arbeiten oft gesellschaftskritisch positionieren und zuweilen, wie gemalte Meinungsartikel erscheinen, verwundert indes nicht, wenn man sich mit Goetzes Vita auseinander- setzt. Schon als Zwanzigjähriger führte er lange Gespräche mit Repräsentanten ihrer Zeit, etwa mit Willy Brandt, als der noch Berliner Bürgermeister war. Wie kam das? „Ich habe damals einen tönenden Jahresrückblick produziert, für Deutsch-Amerikanische Rundfunkstationen. Das öffnete Tür und Tor.“ Goetze trifft Alfred Hitchcock und Billy Graham und den Münchner Weihbischof Neuhäusler – um nur einige zu nennen. Diese Begegnungen und spätere Auslandsreisen nach Nordafrika, Mexiko und Asien schärfen seine Wahrnehmung von gesellschaftlichen Ungleichgewichten und deren Ursachen zusätzlich. Er nahm alles auf und verdichtete es. Ihm wuchsen, wie er es ausdrückt, Bilder zu, zumal er stets Kontakte zu Künstlern suchte, die sich kritisch positionierten.