Interview: Achim Goetze
– der Zeichensetzer Teil 3
Achim Goetze, geboren 1937 in Hamburg, ist ein deutscher Künstler und lebt heutzutage in Nordfriesland. Er erzählt aus seinem Leben und von seinen Werken.
Ein Ateliergespräch mit dem Künstler Achim Goetze.
Herr Goetze, erklären Sie uns, wie Sie zur Malerei gefunden haben?
Goetze: Ich habe über das Schreiben zu Bildern gefunden. Für mich sind Bilder Instrumente, um mich mitzuteilen und auszudrücken. Bilder haben eine große Kraft! Sie können Denkanstöße sein, Wirklichkeiten „spiegeln“. Ein Bild kann zu einem vertrauten Freund werden.
Vom Aufschreiben zum Bild – wie lief das bei Ihnen?
Goetze: Vom Text zum Bild sind es nur wenige Schritte. Kulturhistorisch stand dabei das Bild jedoch am Anfang. Zunächst haben unsere Vorfahren, wenn sie etwas mitteilen wollten, Zeichnungen verwendet, die einfach das bedeuteten, was sie darstellten. Dann wurden diese zu Piktogrammen vereinfacht, aus denen später Buchstaben wurden. Sprache wurde aufschreibbar. Eine analoge Entwicklung kann man am Beispiel der chinesischen Schriftzeichen erkennen, mit deren Entwicklung ich mich lange beschäftigt habe. Dieser Prozess findet sich auch in meinen Bildern wieder, im Sinne, dass man Bilder „lesen“ kann. Aber diese Vereinfachungen gehen oft mit einem Verständnisproblem einher. Das kann man mit erklärenden Worten kompensieren. Daher sind Bilder und Texte eigentlich Freunde, die einander ergänzen. So gesehen gehöre ich nicht zu den Anhängern der Behauptung: „Das Bild entsteht im Auge des Betrachters.“
Was ist mit Fotografien?
Goetze: Die können auch vieles. Aber manchmal ist ja im entscheidenden Moment niemand mit einer Kamera in der Nähe oder fotografieren unerwünscht. Wie bei der Audienz, die George W. Bush beim damaligen Papst hatte. Der amerikanische Präsident hatte ihm bei dieser Gelegenheit die Freiheitsmedaille verliehen für seine Rolle als Friedensstifter. Johannes Paul II war der größte Kritiker des Irak-Krieges, nahm aber dennoch die Auszeichnung an. Ein Paradoxon. Das musste ich malen. So entstand die Arbeit Bush und Papst.
Wenn Bilder und Texte ebenbürtig sind, sind sie dann auch austauschbar?
Goetze: Nein. Das Bild ist viel schneller als das Wort. Ein Bild teilt sich über viele Ebenen gleichzeitig mit, über Sujet, Umsetzung, Farbe und über die „Bildsprache“ – „die Expression“. Das Bild kann einen ganzen Raum verändern. Ich habe zum Beispiel die Hand Christi gemalt, die ist stark und „gestisch“. Die Arbeit wurde in einer Kirche ausgestellt. Man kam hinein und sah nur die Hand mit dem Nagel. Man konnte sich nicht entziehen. Das Bild füllte den ganzen Raum. Außerdem kommt es darauf an, welche Menschen den Bildern begegnen. Sind sie eher verbal oder visuell erreichbar? Die einen brauchen eher Texte, die anderen Bilder. Und dann gibt es ja auch noch Skulpturen, da ist die Haptik ganz wichtig, die Berührungen. Ich habe einmal in Holland der Versuchung nicht widerstehen können, die Textur eines van Gogh ganz vorsichtig zu ertasten – ein physischer Schauer – wunderbar.
Im Ernst?
Goetze: Ja, als mal niemand hingeguckt hat. Sehen und Berühren, eine komplexe Wahrnehmung.
Was kann denn die Begegnung mit Kunst bewirken?
Goetze: Das ist ein weites Feld. Zunächst gehört jedes Bild, also das Seherlebnis, erst einmal dem Betrachter. Ausschließlich! Die Wahrnehmung ist ein ganz persönlicher Dialog, ohne Belehrung, Indoktrination, Kontrolle, sie ist intim und wunderbar unverbindlich. Das Bild verlangt vom Betrachter keine Rechtfertigung, es ist nicht hierarchisch. Aber es kann skizzieren, Wirklichkeiten modellieren und so Anstoß geben, eine gewachsene Wertskala auf den Prüfstand zu stellen. Bilder können den Betrachter mit sozialen Spannungsfeldern konfrontieren und eine Positionierung „erbitten“. Ein Bild kann auch Bedürftigkeit aufzeigen und sensibel machen für ein zu veränderndes Verhalten.
Sie nennen das „zu geistigen Exkursionen einladen“.
Goetze: Ja. Und wenn man sich mit anderen über seine Seherlebnisse austauscht, können Bilder sogar zu einem Katalysator in gruppendynamischen Erfahrungsprozessen werden, z.B. positiv verunsichern. Wir alle lernen, wie man erfolgreich handelt. Schon in der Schule, später in Seminaren. Wie man aber mit Misserfolgen umgeht, das können Bilder hervorragend antizipieren. So ist eine Begegnung mit einem Bild immer ein geistiges Abenteuer, eine erweiterte Wahrnehmung, ein Blick aus den Fenstern gesicherter Räume auf etwas anderes, ungewohntes, vielleicht auch irritierendes.
Wie entstehen Ihre Arbeiten?
Goetze: Selten spontan, meistens im stillen Dialog. Im Falle eines Stilllebens mit dem Sujet, sagen wir mal „Gegenstand“. Was ist sein Wesen, sein Nutzen, seine Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit, Schönheit, im Falle von Pflanzen sogar „Göttlichkeit.“ Und schon ist sie da, die Unfähigkeit, all dies auszudrücken. Dazu kommt die Wahl des Instrumentariums. Dann die Wahl der Flächen, der Proportionen, der Farbstimmung und Zuordnung, Dynamik oder Ruhe, Perspektive, und Wahl der eigenen Sehposition und vieles mehr. Dann entstehen erste Skizzen und endlich der erste Strich. Und irgendwann beginnt das Bild auf Augenhöhe „wesentlich“ zu werden. Der Maler wird zum Erfüllungsgehilfen. Hier will es statt Grün ein kräftiges Rot oder es fehlt an Gewicht – es braucht mehr Schwarz oder es will mehr Dichte, Kompaktheit etc. Doch es geht voran und irgendwann ist das Bild mit dem Maler zufrieden und umgekehrt.
Ihre Bilder sind alle relativ großformatig – es gibt keine kleinen Arbeiten. Aber riesige Formate findet man auch nicht...
Goetze: Ich mag die sogenannte „Große Form“. Motive, die den Rahmen sprengen. Sie werden vom Betrachter selbst über den Rand hinaus vergrößert – sind nur Ausschnitt/Schlaglicht. Ein gutes Beispiel ist Ein Quadratmeter Heimat, mit dem ich das Problem der Wohnungslosigkeit thematisiere: Ein Kind in einer Art Tiny House, eigentlich einem Pappkarton, aber trotzdem mit dem Allernotwendigsten. Denn auch diese Mitmenschen sind sozial strukturiert – bei aller Not gibt es gewisse Grundbedürfnisse. Hab-und-Gut, geliebte Kreatur und Garten – alles minimalistisch.
Mich würden Ihre künstlerischen Vorbilder interessieren...
Goetze: Ich habe eine gewisse Affinität zum expressiven Stil der Zeit von 1905 bis 1920 und darüber hinaus. Nolde, Kirchner, Schmidt, Rottluff, Beckmann, Pechstein. Vor allem aber Kirchner. Doch mir fehlt die Konsequenz. Immer wieder gleite ich ab in narrative Bilderwelten, so dass ich mich einer Art expressiv basiertem Realismus nahe fühle.
Was lieben Sie an den Bildern der genannten Künstler?
Die Direktheit, die Sinnlichkeit, den mutigen Strich. Diese Bilder sind mir so wichtig wie Essen und Trinken. Ich kann sie schmecken.
Sie provozieren mit Ihren Bildern aber auch. Zum Beispiel mit Ihrem Jesus am Marterpfahl. Ein Marterpfahl statt Kreuz?
Goetze: Ja. Das Kreuz wurde erst durch Kaiser Konstantin im Konzil von Nicäa 325 n.C. in die christliche Bildsprache aufgenommen. Die alten Bibeltexte sprechen vom Pfahl (Marterpfahl). Im übrigen war ein Querholz nicht notwendig und überdies unnötig teuer in der Christenverfolgung und Nägel mussten einzeln geschmiedet werden. Meine Bilder sind im historischen Kontext um Wahrhaftigkeit bemüht. Ich empfinde eine große Verantwortung und ethische Nähe zu ursprünglichen Wahrheiten. Gerade in einer Zeit, in der wir uns kaum noch in dem von Interessen dominierten medialen Chaos aus Meinung und Information zurechtfinden.
Betrachten Sie Ihre Arbeiten als politisch?
Goetze: Ja und Nein. Ja, weil einige meiner Bilder ihren Ursprung in außenpolitischen, andere in sozialpolitischen Spannungsfeldern haben. Wieder andere Motive nehmen auch gesellschaftliche Schieflagen wahr oder nehmen deren manchmal bizarre Ergebnisse in den Fokus. Nein in dem Sinne, dass ich vollkommen unpolitisch bin, was die Beteiligung in politischen Wirkbereichen betrifft. Andererseits ist für mich alles, was auf der politischen Bühne gespielt wird, äußerst interessant und anregend. Wer diese wechselnde Szene beobachtet, dem wachsen Bilder zu. Da gibt es den „Weltenerklärer“, den Demagogen der aufklärend im Zwielicht agiert. Den Briefträger von Bagdad, „Zwischen den Fronten“, „Kind und Soldat“, „Das große Welttheater“ und vieles mehr.
Was ist Ihnen das Wichtigste an Ihrer Arbeit?
Goetze: Das kreative Ergebnis! Die Erschaffung von etwas Neuem, was es vorher nicht gab. Einmalig und vielleicht auch schön anzusehen. Oder als Ausdruck einer Wahrnehmung, die viele Menschen berührt und die sie miteinander teilen – praktisch als kollektives Seherlebnis. Etwas das verbindet. Und wenn der Bezug zum Bild den Wunsch weckt, es zu besitzen, weil man es braucht, dann hat das Bild einen Freund gefunden – und ich auch. So sind viele dauerhafte Freundschaften entstanden, nur durch Leinwand, Farbe und Pinsel: ein Wunder und der schönste Lohn.
Sie haben die Anfänge von KRD miterlebt?
Goetze: Ja. Das war politisch eine sehr chaotische Zeit ohne gesellschaftliche Balance. Die Polizei war plötzlich vom „Freund und Helfer“ zur Zielscheibe geworden und auf diese Entwicklung überhaupt nicht vorbereitet. Die RAF, aggressive Bürgerinitiativen und vieles mehr, das gabs ja in der Bundesrepublik vorher nicht. Die Straße wurde zum Schlachtfeld. Steine flogen gegen die Polizei und geschossen wurde auch. Die Sicherheit der Polizei war bedroht. Das war ein Problem, denn dafür fehlte einfach das nötige Equipment. Gerd Brammer hatte dann die Lösung: Die Schutzverscheibung in vielen Varianten und eine neue Aufgabe für die KRD nach dem Motto: „Wir schützen die, die uns beschützen – die Polizei im Einsatz“ ... und das alles Made in Germany. Später hat KRD zum Beispiel erkannt, dass sichere Autoscheiben alleine noch kein Insassenschutz sind. Angreifer suchen sich immer die schwächste Stelle des Fahrzeugs. Das war dann irgendwann nicht mehr die Scheibe, sondern die Karosserie. Also hat Gerd Brammer den Durchstichschutz aus Polycarbonat entwickelt. Gerd Brammer hat immer komplex und lösungsbezogen gedacht. Und manchmal präsentierte er eine Lösung bevor das Problem auftrat. Er sprang nicht auf den fahrenden Zug. Er fuhr ihn.
Später sind Sie auch selbst für KRD tätig gewesen.
Goetze: Ich habe sowohl die ersten Schritte von KRD in die unternehmerische Oberliga begleitet als auch, nach einer Pause, die spätere Entwicklung zum Global Player. Diese zweite Phase der Zusammenarbeit mit Gerd Brammer begann mit dem Besuch einer Ausstellung meiner Bilder in Schleswig-Holstein. Dort trafen wir uns nach vielen Jahren 2010 wieder und schnell wurde über eine erneute Zusammenarbeit gesprochen. Wenige Tage später begann ein intensiver vertrauensvoller und von beiden Seiten sehr engagierter Gedankenaustausch über die kreative Begleitung bei der Markteinführung mehrerer innovativer Produkte. So stammt das verbale Logo KASIGLAS® auch von uns. Außerdem ging es um das Liften der Corporate Identity, die Entwicklung weiterer Logos, also um Markentechnik mit hohem Anspruch. Meine Freude über diese solide freundschaftliche Zusammenarbeit war groß und von gegenseitigem Vertrauen bestimmt. Das trägt bis heute und findet seine Entsprechung in dieser „geschenkten“ Ausstellung. Dafür danke ich Frau Korinna Brammer und dem gesamten Orga-Team.