Interview: Achim Goetze
– der Zeichensetzer Teil 2
Achim Goetze, geboren 1937 in Hamburg, ist ein deutscher Künstler und lebt heutzutage in Nordfriesland. Er erzählt aus seinem Leben und von seinen Werken.
Sein künstlerisches Handwerk erlernte Achim Goetze an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) im Lerchenfeld und später in „privater Nachhilfe“, wie er es nennt, bei F. Stubenrauch, Dozentin an der Kunsthochschule in Kiel. An der HFBK entschied er sich zunächst für ein Studium der Typographie bei Professor Mahlau. Anschließend beschäftigte er sich mit chinesischen Schriftzeichen. Und zwar mit besonderem Blick auf deren grafische Ästhetik und Komposition im Flächenmaß, wie er heute anmerkt. Vielleicht ist diese Hinwendung ja kein ganz unlogischer Schluss für jemanden, der vom Text herkommt und „in Bildern denkt“. In der Rückschau scheint es tatsächlich gut möglich, dass sich hier schon die Richtung zu gemalten Botschaften abzeichnet. Die Geschichte scheint es jedenfalls zu belegen: In den 1970er Jahren entstehen, tastend, damals noch in Hamburg, die ersten größeren Bilder, in den 1980ern folgen mehrere Zyklen mit religiösen, sozialen und politischen Themen, aber auch Landschaftsbilder. Schriftzeichen und Piktogramme – im übertragenen Sinne – beschäftigen ihn aber weiter. So findet sich etwa die Ästhetik chinesischer Schriftzeichen auch später in seiner Bildsprache wieder, etwa in der Arbeit Landschaft mit Spaziergängern (1991). Man sieht zwei wandernde Gestalten und einen Pavillon, basierend auf Piktogrammen für „gehen“ und „Erde“. Vielleicht eine Art Missing Link zwischen Schriftzeichen und Bildern, ein Archaeopteryx in Goetzes Kunst.
Das nötige Geld wurde mit Werbung verdient
Parallel verdiente Goetze mit einer Werbeagentur seine Brötchen – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Denn seine ersten Klienten waren rund 20 deutsche Großbackbetriebe mit überregionaler Marke. Dann kam Astra (heute AstraZeneca) dazu – Goetze war an der Markteinführung der ersten Betablocker beteiligt –, es folgten Dr. Oetker und Hansen Rum, damals der größte deutsche Hersteller dieses karibischen Longdrink-Grundstoffs, und auch bei fünf oder sechs skandinavischen Klienten war man sich einig: Wir brauchen Goetzes Team. Das waren von 1960 bis 1990 dreißig schnelldrehende Jahre für den Kreativen. Aber so richtig wärmten diese Jobs seine Seele dann doch nicht. „Die Fragwürdigkeit meines selbstgewählten Engagements wurde mir deutlich“, meint er heute. Aber alles hat seine Zeit und die eingangs erwähnte Frage nach „Wert und Wahrheit“, wie er es nennt, tat ein Übriges: Das wiederaufgenommene Malen verlangte mehr Raum. Und ein „Doppelleben“ kam für den Künstler nicht in Frage. Auch der Wunsch, eines Tages auf’s Land zu ziehen, so erzählt er heute, wurde immer wichtiger. Bald zog er die Reißleine und erfüllte sich seinen Traum – mit dem Umzug in ein großzügiges Friesenhaus. Hier fand er die Lebensqualität, die er gesucht hatte. „In ganz Hamburg gibt es wenige so große Wohn- und Arbeitsräume unter einem Dach wie hier“. Gelassenheit statt Hektik. Ein neuer Anfang, ein neuer Lebensabschnitt – und viel Neugier auf das, was da kommen mag.
Der Künstler ist auch ein Autor
Aber Goetze hat nach wie vor eine Affinität zur Sprache. Das zeigt er etwas später, als er während unseres Gesprächs einen dicken Ordner mit Gedichten aus seinem sonnigen Atelier über uns holt. Ein Konvolut von Blättern, eng bedruckt. Er zieht einige Seiten heraus und liest. Der Malerautor trägt sachlich vor, nicht feierlich. Goetzes Lyrik ist präzise, aber berührend. Ihr Inhalt, ihr Sinn trägt. Viele Gedichte ergreifen den Hörer unmittelbar, handeln von Abschied und Tod. Was vielleicht daran liegt, dass er die Texte, die er hier ausgewählt hat, einmal in einem KZ vortrug, in Ladelund, nicht weit entfernt, einer Außenstelle von Neuengamme, wo 2.000 Gefangene durch Zwangsarbeit „eliminiert“ werden sollten. Panzergräben ausheben, kaum Nahrung. 60 Menschen starben, nur wenige Wochen, bevor der Krieg zu Ende war. Überhaupt, das KZ. „Ich habe mich mit alten Dorfbewohnern unterhalten. Keiner konnte sich erinnern, an Transporte und Fußmärsche.“ Und dann berichtet er von einer Skulptur, die in Ladelund aufgestellt wurde, um an das Grauen zu erinnern. „Eine Stele, ein Piktogramm! Das reicht nicht, das weckt keine Betroffenheit!“ Für jemanden wie Goetze, für jemanden, der Stellung bezieht, unfassbar. „Das ist Erinnerungskultur im abstrakten Abseits!“ Einen anderen Weg fand die Gemeinde Lexgaard, 50 Einwohner. Sie kann sich rühmen, gerechte Frauen hervorgebracht zu haben, die nachts unter Lebensgefahr durch den Stacheldraht gekrochen sind und den gequälten Menschen unter Lebensgefahr heiße Pellkartoffeln in die Gräben rollen ließen. Goetze hat sie gemalt. Eine Städterin, erkennbar am dicken Mantel – „das war das Wichtigste, was man damals, im Winter, rettete“, so der Maler, und zwei Dorffrauen.
Diese Arbeit, Die mutigen Frauen von Lexgaard, hat die Gemeinde sofort gekauft. Man merkt dem Maler heute noch an, wie ihn das damals bewegt haben muss und wie groß die Genugtuung war, dass die Leute in diesem kleinen Ort sich nicht weggeduckt hatten. Außerdem, so erklärt er heute, sei es für ihn eine wichtige Erkenntnis gewesen, dass auch problematische Bildinhalte Akzeptanz finden.
Die Fragwürdigkeit meines selbstgewählten Engagements wurde mir deutlich.
Dunkle Zeiten durchgestanden
Trotz des Wechsels von Hamburg an die dänische Grenze war Goetzes Leben in den folgenden Jahren bei weitem nicht nur Glanz und Gloria. 2013 brannte sein neues Heim zwischen den nordfriesischen Wiesen und Bäumen komplett ab. Ein Großteil seiner Bilder ging damals in Rauch auf oder wurde stark beschädigt. Brandursache: unbekannt. Ein Jahr dauerte das Ringen mit der Versicherung – aber Goetzes im Ton immer freundliche, jedoch durchaus geharnischte Korrespondenz führte – ohne Anwalt! – zu einem guten Ende: Seine Briefe sollen sogar Eingang in die Ausbildung des Versicherungs-Außendienstes gefunden haben. So gesehen kann es also durchaus sinnvoll sein, sich von früh auf mit dem pointierten Schreiben auseinanderzusetzen. Um das Unglück voll zu machen, wurde ihm aus der noch rauchenden Ruine auch noch ein wichtiges Bild gestohlen – Das schwarze Fenster, eine Arbeit, in der die bedrohliche Nähe zur Suchtgefährdung thematisiert wurde, die bekanntlich ein Merkmal so mancher Künstlerbiografie ist. „Dieses Bild hatte einen gewissen autobiografischen Bezug, weil es mit dem fatalen Glauben aufräumte, dass sich der Blick unter Stimulanz weitet. Das Gegenteil ist der Fall: Engstellung und Qualitätsverlust in der Arbeit“ – so Goetzes Resümee. Betroffenen rät er: „Ausstieg ohne Reue – ein Geschäft für’s Leben“.
Neuanfang mit heitereren Arbeiten
Atelier und Wohnhaus abgebrannt, die Hälfte des Werks vernichtet – das sind Rückschläge, die so manchen vielleicht zum Aufgeben getrieben hätten. Nicht so Achim Goetze. Im Gegenteil: In den letzten Jahren entstehen in seinem neuen Atelier immer öfter heitere, manchmal fröhliche, geradezu humorvolle Arbeiten. Goetze stellt sie seinen Besuchern gerne vor. Zum Beispiel Aber nicht doch! – eine mannsgroße Fliege umarmt eine Person mit einer Fliegenklatsche in der Hand. „Den vermeintlich Schwächeren sollten wir nicht so einfach als Opfer betrachten“, erklärt der Maler. „Die Fliege hier ist ein Mitgeschöpf und könnte den Menschen möglicherweise überleben, wenn wir so weitermachen wie bisher.“ Oder Eddi Popper’s Traum von der Wallstreet, ein junger Mann vor der Wolkenkratzerkulisse eines Bankenviertels – „ein smarter Typ im feinen Zwirn, der noch nicht weiß, dass Glück keinen Börsenwert hat“, so Goetze. Oder Die Narrentochter. Hier schaut eine rot gewandete Frau mit Narrenkappe hinter einem roten Vorhang hervor. Goetze dazu: „Ein Blick aus den geschützten Räumen ‚Backstage‘ auf die Bühne der Erwachsenen ist lehrreich, ohne dass man schon selbst agieren muss. Diese abwartende Haltung ist ein Privileg der Jugend. Ein Luxus, der manchmal allzu schnell endet.“ Diese Arbeiten tragen nach wie vor Meinungen zum Weltgeschehen vor, strahlen aber zugleich Ruhe und Gelassenheit aus. Und vielleicht Weisheit. Ein guter Moment, aus Goetzes Reetdach-Haus wieder in die windige, sonnige nordfriesische Welt zu treten, gewissermaßen aus dem geschützten Raum zurück ins Leben – in der Hoffnung, vielleicht die eine oder andere Botschaft in sich aufgenommen zu haben und mitzunehmen in das eigene Leben. Gute Kunst erkennt man daran, dass sie einem noch nach Tagen ins Bewusstsein tritt und beschäftigt. Achim Goetzes Kunst leistet das.